Reisebericht Februar 2015: Familie Hada

Familie Hada (6 Kinder von 14 Monate bis 12 Jahre) ist seit 3 Jahren in unserem Familienprogramm. Bei der Explosion einer Handgranate, die die Kinder auf einem nahegelegen Spielplatz gefunden hatten und nach Hause brachten, starben Mutter Zarife (36) und Sohn Samir (7), drei weitere Kinder wurden verletzt, eines davon - Indira (8) - schwer.


Diese Meldung erreichte H. Winz und R. Schwenk telefonisch von unserer Brezapartnerin Suzanna Vargovic. 2 Tage später saßen wir im Auto, auf dem Weg nach Kroatien, um der Familie zu helfen und um zu verhindern, dass die Kinder in Heime kommen. Nach 15 Stunden Fahrt erreichten wir Bijelo Brdo (20 km östlich von Osijek).


Vater Faton, der unser Auto wohl gehört hatte, kam aus dem Haus. Zitternd, kraftlos torkelte er uns entgegen, fiel in unsere Arme und weinte. Schluchzend wollte er uns erzählen was passiert ist. Wir sagten ihm, dass wir alles wissen und begleiteten ihn zurück ins Haus. Ein Gefühlschaos zwischen Trauer, Entsetzen, Anteilnahme, Fassungslosigkeit beim Anblick des Ausmaßes der Zerstörung der Granate durchfuhr uns. Schnell wurde uns klar, dass die Reparaturen in einer Woche kaum zu schaffen waren. Doch wir mussten, denn das Schicksal der 5 Kinder - ob sie zurück durften oder in Heimen untergebracht werden - lag nun in unseren Händen.


Am folgenden Tag sollte schon die Beerdigung sein. Wir haben dann noch grob die betroffenen Zimmer und die zerbrochenen Fenster ausgemessen, um dann abends die Besorgung des benötigten Materials zu planen und in die Wege zu leiten.

Dank Pavo, einem Ex-Kind aus unserem Brezaprojekt in Kroatien, der uns begleitete und im Internet die benötigten Geschäfte herausfand, sowie die passenden Fenster im 60 km entfernten Dakovo fand, kamen wir dem Vorhaben, alles in 1 Woche zu schaffen, ein Stück näher.


Mit uns an der Seite überstand Vater Faton unter mehreren Zusammenbrüchen die Beerdigung seiner Frau und seines Sohnes. Der ganze Ort nahm Anteil, die Bewohner Bijelo Brdos‘ haben zusammengelegt um das Begräbnis zu organisieren und zu finanzieren. Am Abend dann die erleichternde Nachricht aus der Klinik, in der die 3 Kinder lagen: Indira (8) ist außer Lebensgefahr. Die zwei unverletzten Kinder waren bei Verwandten in Osijek untergebracht.


In den nächsten 5 Tagen haben wir, mit Hilfe eines Nachbarn, eines Schwagers, eines Bruders von Faton und Josipa (Breza Mädchen) Fenster eingebaut, Steckdosen erneuert, teilweise neue Kabel verlegt, Wände verputzt und gestrichen, Holzdecke hochgeschraubt, Fußböden erneuert, Ofen aufgestellt, Vorhänge aufgehängt, Lampen montiert,…
Auch im Badezimmer war einiges im Argen. Duschwanne, Armaturen, Wasserhähne und Spülkasten mussten erneuert werden.


Da die Waschmaschine seit Wochen kaputt war und kein Geld für eine da war, fanden wir im Kinderzimmer vorwiegend schmutzige Kleidung und schmutzige Bettwäsche. Die verstorbene Mutter war durch ihre Stoffwechselerkrankung mit den 6 Kindern wohl völlig überfordert, deshalb lag wohl alles ziemlich im Argen.


Wir haben 5 Tage von morgens bis in die Nacht geputzt, gerackert, geschraubt, gespachtelt, gestrichen, sortiert, repariert, mit der neuen Waschmaschine gewaschen, …
Wir haben sowohl körperlich als auch psychisch unsere Grenzen weit überschritten, aber wir wollten für die 5 Kinder Alles tun, um ihnen ihr Zuhause zu erhalten. Wir wussten Mittwoch ist Stichtag, da kommt jemand vom Sozialamt und entscheidet, ob die Kinder in ihr Zuhause zurück dürfen. Neben der Rackerei mussten wir noch eine Haushaltshilfe finden, die der Familie fürs Erste zur Hand geht.

Am Sonntag durften wir dann auch die kleine Indira im Krankenhaus besuchen. Ganz matt lag sie in ihrem Bettchen, als sie uns sah flog ein Lächeln über ihr schmales bleiches Gesicht, sie sagte: „Bombe bumm“. Ich nahm sie in den Arm und sagte ihr: „Ich weiß, ich weiß, wir bringen alles wieder in Ordnung“. Sie fragte, was mit ihrem Zimmer sei, wir beruhigten sie und sagten ihr, dass ihrem Zimmer nichts passiert wäre. Und dann fragte sie noch, ob ihr rosaroter Schulranzen in Ordnung ist….


Ich weiß nicht wie, aber wir waren am Dienstagabend mit all den Arbeiten durch. Von der Verwüstung einer Granate war nichts mehr zu erkennen, die Zimmer waren in ein zartorangenes Licht getaucht und strahlten wohlige Wärme aus. Nichts erinnerte mehr an die schrecklichen Bilder, die uns bei unserer Ankunft fast den Boden unter den Füßen wegzogen.


Am Mittwochmorgen durften wir dann die Kinder (außer Indira) nach Hause bringen.
Beim Aussteigen und beim Anblick des Hauses weinten die Kinder, all die Erinnerung der Tragödie stieg in ihnen auf. Wir trösteten die Kleinen und konnten sie dann mit dem völlig neuen Inneren des Hauses und den mitgebrachten Spielsachen beruhigen.


Um 10:00 Uhr dann erschien Suzanna (Brezaleiterin) mit der Frau vom Jugend- und Sozialamt. Diese nahm alles genau in Augenschein, kontrollierte alle Zimmer, auch die Schränke von innen, sowie die Küche und das Badezimmer. Wir setzten uns dann alle an den Tisch und sie erzählte uns, dass sie früher schon einmal in diesem Haus war, als die Familie noch im hinteren Teil gewohnt hatte und sie wusste, in welchem erbärmlichen Zustand die Familie damals hauste. Sie war angesichts der positiven Veränderungen begeistert, dankte uns ganz herzlich für unsere Hilfe und sagte dann die erlösenden Worte, dass die Kinder beim Vater bleiben durften.


Tonnenschwere Last fiel von uns ab. Tränen der Erleichterung.


Sie sagte dann noch, dass sie ab und zu kommen werde (unangemeldet), um zu kontrollieren, ob auch in Zukunft alles so wie jetzt in Ordnung ist. Denn sie müsse immer zum Wohl der Kinder entscheiden. Körperlich fertig und immer noch fassungslos, was hier geschehen war, aber erleichtert und glücklich fuhren wir zurück nach Deutschland.

Zwei Wochen zuhause, aber in Gedanken immer noch bei der Familie, ob alles klappt (Haushaltshilfe, Indira schwer verletzt nach Hause, Trauer) reiste ich erneut nach Bijelo Brdo um der Familie noch eine Woche zur Seite zu stehen.
Begleitet wurde ich vom Brezamädchen Josipa.


Auf der Fahrt – mulmiges Gefühl – hat alles gefruchtet, was wir dem Vater gesagt und aufgetragen hatten? Hat er seine Versprechen gehalten? Geht es den Kindern den Umständen entsprechend gut? ... Dann – Herzlicher Empfang – Riesige Freude bei den Kindern und beim Vater.


Wir waren angesichts der Ordnung und des Zustandes der Wohnung überwältigt.
Alles war blitz blank und ordentlich, überall hing frisch gewaschene Wäsche an Wäscheständerchen und Leinen zum Trocknen. Frisch gekochtes Essen stand auf dem neuen Holzherd. Frisches Brot war gebacken. Und die zwei Nebenräume, in denen sich noch mancher Unrat befand, als wir vor zwei Wochen abreisten, waren entrümpelt und ordentlich.


Und wie immer kamen wir zur richtigen Zeit. Haushaltshilfe Marija konnte seit zwei Tagen nicht kommen, da ihre kleine Tochter krank ist und in die Klinik musste.
Aber Vater Faton hatte alles im Griff, Kochen, Waschen, Hausarbeiten, …
Sogar das Wohnzimmer war frisch raus gewischt. Auch war wohl das Sozialamt drei Tagen vorher zur Kontrolle da und bestätigte ihm, dass alles in Ordnung sei, erzählte er stolz.


Indira durfte dann vor 2 Tagen aus der Klinik nach Hause. Sie hat zwar am ganzen Körper noch Wunden, die aber gut verkrustet sind. Auch die Narbe der schweren Operation sieht gut aus.


Wir haben dann mit den Kindern Hausaufgaben gemacht, gespielt und zu Abend gegessen. Abends haben wir dann Indira noch vorsichtig geduscht, da wir am nächsten Morgen mit ihr in die Klinik zur Kontrolle mussten.

Als wir sie am Morgen abholten, hat sie geweint, sie hatte Angst vor den Untersuchungen. Wir konnten sie aber mit dem Versprechen, nach der Untersuchung Eis essen zu gehen, beruhigen.


In der Klinik wurde sie dann geröntgt und untersucht. Auf dem Röntgenbild sahen wir dann zwei kleine Kugeln. Laut Arzt befinden die sich in den Bronchien und können dort auch bleiben, wenn sie keine Beschwerden machen. Nächste Kontrolle in vier Wochen.
Dann waren wir, wie versprochen, Eis essen, haben unterwegs Lebensmittel fürs Mittagessen eingekauft, und zuhause mit den Kindern Spaghetti gekocht. Mittags wurden Hausaufgaben gemacht, die Kinder geduscht, zwei Kindern die Haare geschnitten, bei allen fünf die Finger- und Fußnägel gekürzt…..


Die folgenden 5 Tage vergingen wie im Flug. Wir haben mit den Kindern  ein Wäschesystem eingeführt. Oben im Flur und im Badezimmer stehen Wäschekübel für die schmutzige Wäsche (Kübel eignet sich auch hervorragend zum Baby baden). Neben dem Treppenaufgang stehen fünf Wäschekörbchen mit den Namen der Kinder beschriftet, da hinein kommt sie frische Wäsche und muss von den Kindern nach oben getragen,  und in den jeweiligen Schrank (auch mit Namen versehen) einsortiert werden. Klappte nach zweimal zeigen super gut und ist für Vater und Haushaltshilfe eine Erleichterung. Hygieneregelungen wurden eingeführt und immer wieder geübt (Duschen – Zähne putzen – Toilette).


Einen Spielzeugkiste wurde besorgt und im Wohnzimmer aufgestellt, damit Spielzeug auch einen bestimmten Platz hat und nicht in allen möglichen Türchen und Schubladen verstaut wird. Mit heftigem Nachdruck und erheben meiner Stimme konnten auch die Besitzverhältnisse der Spielsachen geregelt werden. Denn nicht „moi moi“ (meins meins), sondern „za sve“ (für alle) wurde eingeführt. Spielzeug in der Kiste ist für alle und wird nach dem Spielen wieder in die Kiste zurück geräumt!

Zweimal pro Woche gehen die Kinder, teilweise allein, teilweise mit dem Vater, zum Familien- und Schulpsychologen. Sie wissen vom Tod der Mutter und des Bruders, können damit aber noch lange nicht umgehen, nicht darüber reden und somit sind sie auch mit ihren Gefühlen manchmal unendlich allein, traurig und verzweifelt und brauchen diese psychologische Hilfe.


So auch kam zum Beispiel am zweiten Schultag Indira verweint von der Schule zurück. Ihre Freundin hat sie nach dem Unterricht zum Friedhof gebracht und ihr gezeigt in welchem Grab ihre Mutter und ihr Bruder sind.


Vater Faton wollte sie mit der Lüge „Das stimmt nicht“ beruhigen. Indira merkte aber, dass etwas nicht stimmte. Am folgenden Tag kam sie wieder verweint von der Schule. Sie hat erzählt, dass sie nach dem Unterricht ganz alleine auf den Friedhof gegangen ist, sich ans Grab gesetzt und ein bisschen geweint hat. Aber jetzt ist alles ok. Sie weiß jetzt, dass Mama und Samir begraben sind, aber dass Mama ein Engel ist und mit Samir im Himmel wohnt.


Sie erzählte, dass vor zwei Tagen Mama und Samir nachts bei ihr gewesen sind. Mama hat gesagt, sie sehe alles und dass Indira auf ihre kleinen Schwester aufpassen solle, und ihr Bruder hat zu ihr gesagt, er hilft ihr auf die Brüder aufzupassen. Dieser Traum hat unserer kleinen Indira (8) geholfen, mit ihrer Trauer ein bisschen besser klar zu kommen.

 

Bei fünf Kindern hat man kaum Zeit zum Luftholen. So musste Josipa den kleinen Jasmin (5) zum Zahnarzt begleiten, da ihm heftige Zahnschmerzen Tränen in die Augen trieben, dort angekommen, weigerte er sich aber den Mund zu öffnen.

Gutes Zureden und Bestechungsversuche scheiterten kläglich. Er ertrug lieber tapfer einen Tag die Zahnschmerzen.


Wir hatten dann noch eine gemeinsame Sitzung mit Vater, Kindern, Haushaltshilfe Marija, Josipa, Suzanna und mir. Wir redeten über Dinge, die super liefen und verteilten auch anerkennendes Lob, und auch über Dinge, die uns im Laufe der Woche aufgefallen sind, die man noch verbessern muss.


Ich richtete Vater Faton Grüße aus Deutschland aus und wie stolz alle auf ihn sind.
Er sagt dazu, ich solle ganz liebe Grüße mit nach Deutschland nehmen und vielen vielen Dank für die Hilfe sagen. Und dann sagte er noch dass wir wenn wir das nächste Mal kommen immer noch genauso stolz auf ihn sein werden, denn er wird dafür sorgen, dass dann immer noch alles in Ordnung und so sauber wie jetzt ist.


Er liebt seine Kinder und wird alles tun, damit es ihnen gut geht und er sie nicht verliert.
Auch konnten wir Haushaltshilfe Marija für zwei weitere Monate, von den bereits eingegangenen Spendengeldern in Deutschland, einstellen (400 Euro pro Monat).
Glücklich, stolz und zufrieden, dass alles so gut funktioniert hat, fuhr ich nach einer bewegenden Woche zurück nach Hechingen.


Und hoffe hier auf weitere Spender, die diesen Kindern ermöglichen, zu Hause beim Vater aufwachsen zu können.


Noch eine Erkenntnis bringe ich aus dem armen Ostslawonien mit: Es hat nicht immer etwas mit Sitten oder Bräuchen zu tun, wenn wir eine Familie auf dem Boden sitzend und mit den Fingern aus einer alten Blechpfanne essend antreffen. - Sondern leider allzu oft einfach nur mit bloßer Armut.

Heidi Winz