Nach 20 Jahren ein Wiedersehen in Goma

Am 24.10.2014 machten sich Matthias Holzmann, Frédéric Loye, Heinz Wolfram und ich, Cornelia Bierlmeier, von Kinder brauchen Frieden e. V. auf den Weg nach Afrika. Am 25.10. fand die Schuleinweihung der Sekundarschule in unserem Kinderdorf „Village de la Paix“ in Kigali, Ruanda statt. Am Tag darauf machten sich Matthias, Heinz und ich auf den Weg in die DR Kongo nach Goma, wo sich das Ernährungszentrum befindet, welches Kinder brauchen Frieden e. V. seit 1994 unterstützt.


Es war ein komisches Gefühl Goma und unsere Partner, die Bonifatius Schwestern, nach 20 Jahren  wiederzusehen. Der Kontakt und unsere Hilfe sind in all dieser Zeit nie abgebrochen. Auch Matthias Holzmann besuchte Goma in den letzten Jahren.

Endlich angekommen, Schwester Annerose hatte uns an der Grenze abgeholt, konnte ich sehen, wie die Stadt sich in all den Jahren verändert hat. Es wurde sehr viel gebaut und man ist dabei breite Prachtstraßen zu bauen, die in die Stadt führen. Andere Bauten kamen mir von meinem letzten Besuch sehr bekannt vor. Endlich am Missionshaus der Schwestern angekommen war mir alles wieder sehr vertraut - es war nach all dieser  Zeit wie ein Nachhause Kommen. Erinnerungen wurden wach.

 

Doch die Realität sollte uns schnell einholen. Goma, eine Stadt in der es keine Gesetze und kein Recht gibt. Täglich werden Menschen ermordet, Frauen vergewaltigt und keiner hilft - schlimmer noch! Keinen interessiert es! Der größte Teil der Bevölkerung ist bettelarm und hat oft tagelang nichts zu essen. Verzweiflung und Hunger wo man hinschaut! Der tägliche Kampf ums Überleben verroht diese Menschen.

Aber da gibt es die Schwestern, die mit unserer Hilfe ein Ernährungszentrum in Birere aufgebaut haben. Dieses Gebäude, wenn man es so nennen darf, ist bei all der Armut, dem Elend und dem Chaos, das in Goma herrscht, ein Ort des Lichts und der Hoffnung. Hier können Kinder ihre Ängste und Sorgen für ein paar Stunden am Tag vergessen. Hier gibt es für sie zwei Mahlzeiten. Wenn man sich die Kinder ansieht, stellt man fest, dass ihre Köpfe im Verhältnis zum Körper zu groß sind. Ein Zeichen für Unterernährung.

 

Hier werden sie wieder aufgepäppelt. Aber nicht nur das: Es wird auch gespielt und gelacht! In diesem Ernährungszentrum gibt es außerdem einen Raum in dem Schulunterricht abgehalten wird. Der Raum ist zwar klein aber die 12 - 20 Schüler lernen mit Begeisterung. Bücher oder Hefte gibt es nicht, es wird schlicht auf Schiefertafeln geschrieben. In einem anderen noch kleineren Raum findet Aidsberatung statt. In einem weiteren werden Ehepaare über Familienplanung und natürliche Verhütung beraten. Im gesamten Zentrum werden circa 240 Kinder versorgt.

Eine warme Mahlzeit im Ernährungszentrum im Armenviertel Birere in Goma
Bewegungstherapie mit den Kindern des Ernährungszentrums

Manche kommen schon morgens und bleiben bis das Zentrum schließt. Andere kommen, wenn die Schule in der Nähe des Ernährungszentrums beendet ist. Da die Kinder oft sehr aufgeregt und unruhig sind wird mit ihnen eine spezielle Bewegungstherapie durchgeführt, die auch gute Erfolge erzielt! Die Kinder sind danach ruhiger und konzentrierter und was natürlich fantastisch dabei ist, es macht ihnen sichtlich Spaß. Auch einige Mütter haben ihren Platz im Zentrum gefunden. Sie nähen und ändern Kleidungsstücke und können somit etwas Geld verdienen. Andere Frauen kochen für die Kinder und helfen bei der Essensausgabe. Ein gigantisches Projekt, das ohne die Unterstützung von Kinder brauchen Frieden nicht bestehen könnte.

Happy? – Bei Hausbesuchen im Armenviertel Birere begegnen wir Kinder, die sich selbst überlassen sind

Nach dem Besuch im Ernährungszentrum ging es zu Hausbesuchen in das Armenviertel Birere. Hier kümmern sich die Schwestern um sehr arme Familien. Auf meine Frage, um wieviel Familien sie sich kümmern, antworteten die Schwestern lediglich: „wir haben sie nicht gezählt, aber es sind viele. Sehr viele!“ Die Schwestern haben andere Dinge zu tun als die Hilfsbedürftigen zu zählen, oft arbeiten sie ununterbrochen.

Ich möchte jetzt nur von einem Hausbesuch berichten. Wir gingen in eine Bretterhütte, viele Kinder waren in diesem Raum, darunter auch ein Baby, das gerade krabbeln konnte. Keine Mutter war zu sehen. Die Schwestern erzählten uns, dass die Mutter wahrscheinlich gerade einen Gelegenheitsjob hat und arbeitet. Die Kinder bleiben sich selbst überlassen. Im nächsten Raum lag ein etwa 12 jähriges Mädchen auf einer Decke. Die Schwestern erklärten uns, dass die Familie die Schwester der Frau und ihre Kinder, die vor den Rebellen nach Goma geflohen waren, bei sich aufgenommen haben. Das Mädchen ist schon so stark unterernährt und schwach, dass es keine Nahrung mehr bei sich behält - auch für eine Ernährung mit einer Sonde ist es schon zu spät. Die Kleine stirbt leise. Wer an Hunger stirbt, stirbt leise. An diesem Abend fällt es uns schwer einzuschlafen. Wer ein sterbendes 12-jähriges Mädchen sieht, kann nicht schlafen! Die Fragen und die Wut im Kopf sind zu laut.

Kinderheim in Goma: ein Bett und nackter Betonboden. Doch ohne die Salesianer wäre es schlechter um die Kinder bestellt

Am nächsten Tag ging es zu Don Bosco nach Ngangi, einem Straßenkinderprojekt der Salesianer. Ich besuchte Ngangi schon damals - vor 20 Jahren. Wir brachten Hilfsgüter für Pater Franz und für die Jungen, um die er sich noch heute kümmert. Damals waren es Straßenkinder und viele Kinder aus dem Flüchtlingslager. Es gab damals nur ein schmales Gebäude mit 3 Räumen, die Jungs schliefen vor diesem Gebäude in Zelten, die wir mitgebracht hatten. Das ganze Gelände war von einer Mauer umgeben. Die Mauer gibt es noch heute und auch das Gebäude, jedoch kamen noch viele weiter Gebäude hinzu. Außerdem gibt es heute eine große Schreinerei, in der die Straßenkinder eine Ausbildung erhalten. Es ist gigantisch zu sehen, was dort in den Jahren aufgebaut wurde.

 

Man führt uns in einen Raum, hier stehen Babybettchen. Die Kleinen sitzen auf dem blanken Betonboden, ihre Windeln triefen vor Urin, um größeres Auslaufen zu verhindern sind zerschnittene Plastiktüten um die Windeln gebunden. Ich nehme eines der Kleinen auf den Arm, es schmiegt sich sofort fest an mich. Als ich es wieder auf den Boden setzen will, fängt es an zu weinen. Diese Kinder brauchen Nähe! Doch die wenigen Frauen haben leider nicht die Zeit, sich so intensiv um die Kinder zu kümmern, wie es ihnen zustünde.

Im nächsten Raum sind etwas größere Kinder, um die sie sich auch noch kümmern müssen. Darunter zwei behinderte Kinder die auf einer Art Brett mit Beinen, auf dem eine Decke liegt, liegen und die Decke anstarren. Das eine Kind leidet unter Hydrocephalus („Wasserkopf“) und wir bitten die Schwestern darum, sich um dieses Kind zu kümmern, damit es in das Krankenhaus von Dr. Uta Düll nach Ruanda kommt, um dort operiert zu werden. Dadurch kann dem Kleinen ermöglicht werden, ein fast normales Leben zu führen - ohne diese Operation wird dieses Kind jedoch sterben. Die Salesianer suchen verzweifelt nach Eltern für all diese Kinder, da sie mit den Kleinen überfordert sind. Bedrückt verlassen wir Ngangi. Wenigstens konnten wir für ein Kind Hilfe bringen.

 

Weiter geht unsere Reise am nächsten Tag nach Mugunga. In meiner Erinnerung war Mugunga 1994 das riesige Flüchtlingslager in dem fast 300 000 ruandische Flüchtlinge nach dem Genozid unter Planen des UNHCR lebten. Damals versorgten unsere Schwestern 1400 dieser Flüchtlinge. Die Fahrt führt an riesigen Villen vorbei, die malerisch am Ufer des Kivusees liegen. Diese gab es damals auch schon, mag sein, dass es jetzt noch einige mehr sind. Der Gegensatz ist einfach nicht zu fassen – surreal!

Lager Mugunga 3 des UNHCR: Aidskranke, Behinderte und sexuell Mißbrauchte sind von der Versorgung ausgeschlossen

Wir wollen in das Flüchtlingslager Mugunga 3. Hier leben über 4700 Menschen! Wieder unter Planen des UNHCR. Heute sind es aber keine ruandischen Flüchtlinge, sondern Flüchtlinge aus dem eigenen Land, die vor den marodierenden Rebellentruppen nach Goma geflüchtet waren. Am Eingang des Lagers meldeten wir uns an, um in das Lager zu kommen. Man verwies uns an das Büro des Lagerverantwortlichen. Jetzt hatten wir eine mit Gewehr bewaffnete Begleitung und diese wich uns nicht mehr von der Seite.

 

Vor dem Büro blieb er stehen und wir wurden von dem Lagerleiter empfangen. Auf unsere Anfrage, ob wir in das Lager gehen dürften, fing er erst einmal an zu telefonieren. Am anderen Ende der Leitung wurde uns das Betreten verweigert. Aber dennoch erzählte der Mann uns Einiges. Nur zwei Leute sind für das ganze Lager verantwortlich. Im Lager selbst leben 1667 Familien, doch nur 600 werden vom UNHCR versorgt, die anderen nicht! Sinn dieses Handelns soll sein, dass die Leute wieder nach Hause gehen sollen. Aber wo ist ihr zu Hause? Ihre Hütten wurden zerstört, die Felder wurden nicht bestellt, also gibt es keine Ernte und Geld für neues Saatgut ist auch keines da und dann ist da noch die Angst vor weiteren Überfällen. Nach unserer Nachfrage, ob es ein Programm gäbe, um die Menschen neu anzusiedeln, da es ja genügend Land gäbe, wurde uns mitgeteilt, dass es so ein Programm nicht gibt.

 

Es gab auch ein Schreiben vom UNHCR, dass Aidskranke, Behinderte und Vergewaltigte von der Versorgung ausgeschlossen sind. Plötzlich betritt eine Frau das Büro, setzt sich und beginnt zu erzählen: Sie wurde von den Rebellen in ihrer Hütte vergewaltigt und floh dann nach Goma. Auf dem Weg dorthin, wurde sie nochmals vergewaltigt. Während die Frau erzählt, fällt uns auf, dass sie uns mit leerem Blick anschaut. Ein Blick der Hoffnungslosigkeit. Der Blick einer Frau, die keine Hilfe zu erwarten hat und die verzweifelt ist. Sie fährt fort, so erging es vielen Frauen hier und es sind auch Kinder aus diesen Vergewaltigungen geboren worden.

 

Die Frauen übertragen die Schuld für ihre hoffnungslose Lage auf die Kinder und sind inzwischen so weit, diese Kinder umzubringen. Hilflos und betroffen schauen wir die Frau an! Wir können nicht helfen, da unsere Partner vor Ort diese Aufgabe, die Frauen zu versorgen, nicht auch noch bewältigen können. Sie arbeiten jetzt schon weit über ihre Grenzen. Zudem würde eine Hilfe für diese Frauen nicht genehmigt werden – wenn es ihnen besser ginge, würde dies dem Ziel entgegenarbeiten, das sie das Lager möglichst früh verlassen.

Hilfe für psychisch erkrankte Frauen durch Arbeits- und Beschäftigungstherapie. Ein Teil der Arbeiten sind im Kinder brauchen Frieden Laden käuflich zu erwerben

Doch es gibt auch noch eine sehr engagierte kongolesische Frau in Goma, die sich um Aidskranke und taubstumme und psychisch erkrankte Frauen kümmert. Sie hat auf dem eigenen Grundstück ein kleines Zentrum (ein kleines Gebäude mit 2 Zimmern) aufgebaut. In diesem Zentrum arbeiten Frauen, um sich ein kleines Einkommen zu verdienen. Sie stellen Püppchen, Platzdeckchen, Topfuntersetzer aus sehr kleinen Stoffresten her. Taschen werden aus Plastikpaketbändern geflochten. Aber es steht nicht nur die Herstellung von Handarbeiten im Vordergrund. Diese Frau hat auch immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Frauen und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Eine bemerkenswerte Frau.

 

Wir haben tüchtig zugeschlagen und viel eingekauft und die Frauen waren sehr stolz, dass ihre Handarbeiten so begehrt sind. Diese Artikel werden in Hechingen im Kinder brauchen Frieden Infoladen verkauft. Wenn Sie bei uns einkaufen, geben Sie diesen Frauen eine Chance!

Möchten auch Sie die Arbeit dieser Frauen unterstützen, dann können Sie mit dem Kennwort Goma auf das Kinder brauchen Frieden Konto bei der Sparkasse Zollernalb spenden:

 

IBAN: DE29 6535 1260 0134 0398 51
BIC-/SWIFT-Code: SOLADES1BAL

 

oder online über spendenportal.de