Spielen zwischen Schutt und Müll

Baufällige Betten, bröckelnde Wände, streng rationiertes Essen: Im staatlichen Kinderheim im nordbulgarischen Dorf Balvan herrscht Versorgungsnot. Der Hechinger Verein „Kinder brauchen Frieden“ versucht zu helfen. Mit Spenden und Freiwilligen, die den Kindern ein abwechslungsreiches Ferienprogramm ermöglichen. Im Juni reiste eine Gruppe von drei freiwilligen Helfern um den Projektleiter, Alexander Brotz, für zehn Tage nach Bulgarien, um dort bei der Durchführung der „Ferienspiele“ im staatlichen Heim in Balvan zu helfen- einem winzigen Ort im ländlichen Norden Bulgariens in der Nähe von Veliko Tarnovo, einer Stadt mit 100 000 Einwohnern.

Federball, Frisbee, Fingerspiele: „ Es ist schwierig, überhaupt etwas auf die Beine zu stellen, es gibt dort ja nicht viel, die Möglichkeiten sind sehr begrenzt“, bedauern die Helfer. T-Shirts wurden mit den Kindern bemalt, außerdem Plakate für ein Fußballturnier gemeinsam gestaltet. “Für die Kinder ist es aber schon etwas Besonderes, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, sie rangeln richtig um die Aufmerksamkeit der Helfer“, sagen die vier Freiwilligen. Besonders beeindruckt hat alle, dass die Kinder „überhaupt nicht distanziert und extrem dankbar“ waren.

Oft von den Eltern verkauft

Oft von den Eltern verkauft Rund 40 Kinder im Alter zwischen fünf und 18 Jahren waren zu der Zeit der Ferienspiele im Heim untergebracht. “Es können aber auch schon mal doppelt so viele sein“ weiß der Projektleiter, Alexander Brotz, der für „Kinder brauchen Frieden“ mehrmals im Jahr nach Balvan reist und auch Hilfstransporte dorthin begleitet. Manche Kinder können adoptiert werden; die Aussicht, dass sie im Land vermittelt werden, sind aber schlecht. “In einem winzigen Zimmer schlafen vier bis fünf Kinder, die Betten sind teilweise herunter gebrochen und die Wände offen“ beschreibt Tanja Rallinofski die desolaten Zustände im Kinderheim .

 

 

Auf dem gesamten Gelände liege „Müll und Schutt, rostige Nägel“ herum- die Kinder spielen dazwischen. Nachts werden die kleinen Heimbewohner eingeschlossen: „Damit keiner reinkommt, aber auch, damit keiner abhauen kann“, erzählt Rico Gehricke. Vor allem Roma- Kinder leben in Balvan im Heim- „dort eine absolute Randgruppe“, sagt Daniela Haug. Kinder würden oftmals als Ware betrachtet, die Eltern verkaufen den Nachwuchs nicht selten an kriminelle Organisationen: „Die Kinder werden als billige Arbeitskräfte verhökert, zur Prostitution oder zum Klauen gezwungen“, so Alexander Brotz. Ins Heim kommen die Kinder meist dann, wenn Verwandte oder Bekannte die familiären Missstände dem Amt melden. Besuch von den Eltern bekommen die Kinder im Heim jedoch so gut wie nie.

 

 

Angegliedert ist ein Krisenzentrum, in dem missbrauchte und schwer traumatisierte Mädchen betreut werden; ein EU- Projekt, das mittlerweile vom Staat übernommen wurde. Allerdings fehlt es auch hier an stabiler finanzieller Unterstützung. Das viel zu geringe Budget ist nach einem guten halben Jahr aufgebraucht.

Alexander Brotz erzählt von einem Mädchen, das eingeliefert wurde, weil die Mutter es absichtlich mit heißem Wasser übergossen hatte - alle sieben Kinder wurden der Familie daraufhin weggenommen. Viele Kinder wohnen in komplett vermüllten Häusern, bevor sie vom Sozialamt ins Heim gebracht werden. Dort bekommen sie immerhin das Allernötigste: Essen, Kleidung, Schulsachen. Eine Grundschule und einen Kindergarten gibt es am Ort, die Größeren besuchen eine weiterführende Schule in der Stadt. Und trotzdem: Es fehlt nicht nur an Materiellem - Schuhe, Schulsachen wie Hefte, Stifte und Ranzen- sondern vor allem an menschlicher Nähe: Rund zehn Betreuer kümmern sich im Wechsel um die Kinder, zwei oder drei sind ständig im Haus. „Eng ist die Beziehung zwischen Betreuern und Kindern meist nicht“, hat Rico Gehricke mitbekommen.

Eine Art Dritte Welt mitten in Europa

„Unheimlich gut erzogen“ sind die bulgarischen Heimkinder- diese Erfahrung hat Tanja Ralinofski gemacht; militärischer Drill spielt aber auch eine Rolle. „Vor dem Essensraum etwa müssen sich die Kinder in Zweierreihen aufstellen, um dann geordnet einzumarschieren“, erzählt sie; sozialistische Strukturen sind noch sehr präsent. Die Essensportionen sind streng rationiert. Es gibt wenig Fleisch, das Essen ist sehr vitaminarm. Grießbrei, Milchreis, Graupen oder Nudeln kommen stattdessen meist auf den Tisch.“ Einmal organisierten wir einen Grillabend da haben sich die Kinder fast um die Reste geschlagen“, erinnert sich Rico Gehricke. Lebensmittelspenden sind schwierig. „Nahrungsmittel werden eigentlich vor Ort gekauft, schließlich soll“ laut Alexander Brotz“ die einheimische Wirtschaft angekurbelt werden.“

Eine Hilfe sind Organisationen wie Kinder brauchen Frieden auf jeden Fall, sagen die vier Helfer, aber auch diese stoßen an ihre Grenzen: Das Budget um beim diesjährigen Aufenthalt Schuhe für die Kinder zu kaufen, war jedoch zu knapp. Deprimierend sei auch, dass die Kinder trotz schulischer Ausbildung später kaum eine – berufliche- Chance hätten: „Sie haben das Stigma als Roma- Heimkinder, für sie geht es danach kaum weiter. Bulgarien liege zwar in Europa, “ein bisschen“ gleiche es aber doch einem Dritte-Welt-Land. „Wir haben aber die Hoffnung, dass etwas hängen bleibt, dass es noch etwas anderes gibt, “ erklären alle vier Freiwilligen.

 

 

Als Nächstes sollen im Kinderheim in Balvan alle 12 Schlafräume mit neuen Betten einem Schrank, und einem Tisch ausgestattet werden. Außerdem soll auch der gemeinsame Gruppenraum kinderfreundlich und nutzbar gestaltet werden. Einmal im Jahr begleiten Mitarbeiter/innen von „Kinder brauchen Frieden“ den Hilfstransport nach Bulgarien, der nächste ist für Februar/ März 2011 geplant. Tanja Rallinofski Rico Gehrike Daniela Haug Alexander Brotz .

 

 

 

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